Die Fach-Community narrt (Netzwerk antisemitismus- und rassismuskritische Religionspädagogik und Theologie) lud am 23.10.2026 zum digitalen Fachtag ein. Gina und Phillip aus dem FOERBICO-Team nahmen daran teil und trugen mit ihrem Vortrag – Gut gemeint, aber trotzdem problematisch: Unterrichtsmaterialien antisemitismus- und rassismuskritisch prüfen – zum Programm bei. Die Tagung beschäftigte sich mit Fragen rund um Dekolonialität, Rechtsextremismus und Rassismus, Antisemitismus- und Rassismuskritik sowie Antisemitismusprävention. Ziel des Fachtags war es, wissenschaftliche Arbeiten, Konzepte und Projekte vorzustellen, inhaltlich zu diskutieren und gemeinsam weiterzudenken.
Im Zentrum standen folgende Fragen: Wie können Theologie, Kirche und Religionspädagogik gesellschaftliche Machtverhältnisse kritisch reflektieren? Wie lassen sich Rassismus und Antisemitismus in Bildungsprozessen thematisieren, ohne bestehende Stereotype unbeabsichtigt zu reproduzieren? Und welche Strukturen braucht es, um Unterrichtsmaterialien nachhaltig diskriminierungskritisch zu gestalten?
In den Vorträgen und Diskussionen wurde deutlich: Eine kritische Haltung allein reicht nicht aus. Es braucht auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion, geeignete Werkzeuge und gemeinsame Strukturen, um diskriminierungskritische Arbeit langfristig zu ermöglichen.
Kurzer Tagungsrecap
Die Tagung hatte in ihrem Programm vier Vorträge und schloss mit einem gemeinsamen narrt-Café ab. Beim ersten Vortrag von Dr. Alena Höfer: „Kann es eine dekoloniale Theologie des ‚Westens‘ geben?“. ging es um die Frage, wie die Debatte um Dekolonialität in der Theologie geführt wird und welche Perspektiven dabei besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die westliche Theologie, steht in der Verantwortung ihre eigenen Voraussetzungen, Traditionen und Denkmuster kritisch zu untersuchen ohne dadurch seine Herrschaftsgeschichte zu nivellieren. Deshalb spricht Dr. Höfer nicht von einer dekolonialen Theologie des Westens, sondern einer dekolonialisierten oder dekolonialisierenden* Theologie des Westens (siehe Absatz “Vielfältige Stimmen”).
Daraufhin widmete sich Dr. Kai-Ole Eberhardt in seinem Vortrag „Herausforderungen von Rechtsextremismus und Rassismus der AfD für die Kirchen“ dem Verhältnis von Kirche, Rechtsextremismus und Rassismus. Die kirchliche Rolle, die über eine reine verbale Positionierung angesichts von politischen Polarisierungen und menschenfeindlichen Ideologien hinausgeht, wurde in den Blick genommen. In der Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus verlangt es eine klare Orientierung sowie eine kritische Reflexion der eigenen Strukturen und Handlungsmöglichkeiten und institutionelles Handeln, kirchlicher Praxis und Bildungsarbeit, welche den Einsatz für Vielfalt, Offenheit und ein gemeinsames Miteinander sichtbar wird.
Wie anspruchsvoll antisemitismus- und diskriminierungskritische Arbeit in der Praxis sein kann, zeigten Gina Buchwald-Chassée vom Comenius-Institut und Phillip Angelina von der FAU Erlangen-Nürnberg mit ihrem Beitrag: „Gut gemeint, aber trotzdem problematisch – Wie können wir Unterrichtsmaterialien antisemitismus- und rassismuskritisch prüfen?“. Eine besondere Herausforderung antisemitismus- und rassismuskritischer Bildungsarbeit liegt darin, problematische Inhalte zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen zu müssen. Um Stereotype zu erkennen, zu analysieren und zu hinterfragen, müssen sie mitunter zunächst sichtbar und besprechbar werden. Gleichzeitig besteht dadurch die Gefahr, dass genau jene Bilder und Erzählungen erneut verbreitet werden, die eigentlich überwunden werden sollen. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich nicht einfach auflösen. Es erfordert eine bewusste didaktische Einordnung, eine sorgfältige Auswahl von Beispielen und eine Reflexion darüber, wie problematische Inhalte thematisiert werden können, ohne sie unkommentiert zu reproduzieren. Aus der Diskussion entstand schließlich die Idee, eine Art Beratungs- oder Prüfstelle aufzubauen, in der Fachwissen gebündelt wird. Netzwerke wie narrt könnten dazu beitragen, unterschiedliche Expertisen zusammenzuführen und die Prüfung von Materialien gemeinsam zu organisieren. Als möglicher Anknüpfungspunkt wurde das Bibliolog-Netzwerk diskutiert: Multiplikator:innen könnten Materialien innerhalb ihres Netzwerks weitergeben und innerhalb eines festgelegten Zeitraums Rückmeldungen einholen, bevor diese veröffentlicht werden.
Eine ausführlichere Zusammenfassung sowie die Präsentation zum Nachschauen & Weiterverwenden:
Im letzten Vortrag wurden Ergebnisse aus der Interviewstudie von Dr. Linda Balzer „Zwischen Wissen, Haltung und Handlung: Antisemitismusprävention in der Lehramtsausbildung“ vorgestellt. Auf Grundlage einer Interviewstudie stellte sie Perspektiven von Lehramtsstudierenden, Lehrpersonen und jüdischen Menschen vor. Die Interviewaussagen machten deutlich, dass Wissen über jüdisches Leben teilweise erstaunlich begrenzt ist und von Vorstellungen geprägt sein kann, die mit der Realität wenig zu tun haben. Neben der Wissensebene rückte Balzer auch die Haltung gegenüber Antisemitismus in den Blick. Die vorgestellten Aussagen deuteten auf eine problematische Distanzierung hin, die sich sinngemäß in einer Haltung wie „Ich bin ja kein Jude, ist mir ja egal“ ausdrückt. Gerade für die Lehramtsausbildung ist das eine zentrale Herausforderung. Wissen allein führt nicht automatisch zu einer kritischen Haltung oder zu entschlossenem pädagogischem Handeln. Es braucht auch die Bereitschaft, sich mit jüdischen Perspektiven auseinanderzusetzen, eigene Vorstellungen zu hinterfragen und Antisemitismus als relevante Aufgabe des eigenen professionellen Handelns anzuerkennen.
Das narrt-Café
Inspiriert von den Vorträgen und den kurzen Diskussionsrunden ging es in das narrt-Café, das regelmäßige Community-Treffen, über. Da das narrt-Café ein offen zugänglicher, aber zugleich geschützter Raum ist, werden wir nicht weiter inhaltlich von hier erzählen. Stattdessen gibt es uns die Chance über einen Aspekt unserer Studie zu reflektieren, welcher in verschiedenen Interviews zu Sprache kamen: Communities und weshalb sich Menschen in diesen engagieren.
Daher herzliche Einladung beim nächsten narrt-Café am 4.12.2026 von 11:30 Uhr-12:30 Uhr dabei zu sein 🗓️
Vielfältige Stimmen
Es liegt vielleicht auf der Hand, aber Communities bringen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Perspektiven und vielfältigen Expertisen zusammen. Aus unseren Interviews wissen wir, dass genau dies ein Grund dafür ist, warum sich Menschen engagieren. Einige O-Töne aus unserer Interviewstudie verdeutlichen das: “Und so ist es ja mit ganz vielen Menschen, die sich ins reliLab einbringen, die haben eine Expertise, ein Wissen und ich glaube auch, das ist, macht unsere Community besonders (…)”. Ein Mitglied formuliert es so: “Sie braucht für ihre Veranstaltung nicht das reliLab, aber die Expertise der Menschen schätzt sie.” (Interview 03, Pos. 21). Wie wertvoll der Austausch unterschiedlicher Perspektiven sein kann, bringt eine weitere Interviewstimme zum Ausdruck: “Also Kommunikation, überhaupt auch andere Stimmen zu hören, als die vielleicht in der, in der eigenen Bubble oder in der eigenen, engeren, eben regionalen Bubble, andere Stimmen zu hören, andere Ideen zu bekommen, miteinander was zu planen, Fortbildung zu machen, dass nicht nur das einmal Kommunizierte, dass es sozusagen unter zwei oder drei bleibt, sondern das eben auch breiter zu streuen, dass man auch ermutigt, Ideen weiterzugeben, zu teilen und so weiter. (…) Ideen haben, Ideen teilen und eben Teilgeber sind und nicht nur Teilnehmer”. (Interview 04, Pos. 7). Eine weitere Interviewstimme bringt den Gedanken prägnant auf den Punkt: “Miteinander wird es besser” (Interview 06, Pos. 37).
Diese Aussagen verweisen auf ein Potenzial, das auch wir vom FOERBICO-Team beim narrt-Fachtag erleben konnten: Wenn Communities zusammenkommen, kann etwas Fruchtbares entstehen. Ein Beispiel dafür war die Diskussionsrunde im Anschluss an den ersten Vortrag, daher auch der Stern oben. Eine Teilnehmerin fragte, ob statt von einer dekolonialisierten Theologie des Westens nicht besser von einer dekolonialisierenden Theologie des Westens gesprochen werden sollte. So ließe sich der prozesshafte Charakter des Vorhabens stärker zum Ausdruck bringen. Dieser Impuls wurde mit großem Dank aufgenommen und in die weiteren Überlegungen einbezogen. Solche kleinen Momente gab es beim narrt-Fachtag viele, sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Vortragenden und die Steuerungsgruppe von narrt. Sie zeigen, was entstehen kann, wenn Menschen ihre Perspektiven teilen, gemeinsam weiterdenken und sich von den Ideen anderer inspirieren lassen.
Die Offenheit des Cafés schafft Raum für genau diese Form des gemeinsamen Lernens. Dabei ist wichtig - darauf weisen auch unsere Interviews hin -, dass diese Haltung, in der man sich auf Augenhöhe begegnet, eingeübt werden muss (Interview 06, Pos. 37). Eine offene Kultur kann dazu beitragen, dass Menschen nicht nur teilnehmen, sondern selbst zu Teilgebenden werden, wie es eine Interviewperson treffend formuliert hat.
Für OER-Communities ist diese Haltung besonders wichtig. Denn auch bei der Arbeit mit offenen Bildungsmaterialien geht es darum, Materialien gemeinsam zu reflektieren, weiterzuentwickeln und redaktionell zu bearbeiten. Hier bestehen noch Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe. So müssen teilweise erst Prozesse und geeignete Räume geschaffen werden, in denen eine solche Zusammenarbeit stattfinden kann. Die dafür notwendige Haltung mit Offenheit für andere Perspektiven und die Bereitschaft, Wissen und Ideen zu teilen, konnten wir beim narrt-Fachtag jedoch beobachten.
