Was können wir gemeinsam entwickeln, ohne das aufzugeben, was uns regional und institutionell ausmacht? Diese Frage stand im Zentrum der diesjährigen ALPIKA-Leitendentagung Ende September in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar - ein schöner Ort, der zum Verweilen und Nachdenken einlud.

Pavillon Brunnenkirche Hofgeismar Schwanenteich Hofgeismar

Die evangelischen Kirchen nehmen mit ihren religionspädagogischen und pädagogisch-theologischen Instituten und Zentren sowie den Ämtern für Religionsunterricht und Religionspädagogik ihre Bildungsverantwortung wahr. Seit 1969 sind diese Einrichtungen in der Arbeitsgemeinschaft der Leiterinnen und Leiter der Pädagogischen Institute und Katechetischen Ämter (ALPIKA) miteinander verbunden. In verschiedenen Arbeitsgruppen und einem Geschäftsführenden Ausschuss bearbeitet das Netzwerk gesamtkirchliche Aufgaben im Bildungswesen.

Einmal im Jahr kommen die Leitenden der beteiligten Institute zusammen, um aktuelle Entwicklungen zu diskutieren und gemeinsam über die zukünftige Ausrichtung nachzudenken. In diesem Jahr stand dabei ein Thema besonders im Mittelpunkt: Kooperation und zwar nicht als Zentralisierung, sondern als komplementäre, dezentrale Zusammenarbeit.

Was passiert, wenn wir nicht mehr weitermachen können wie bisher?

Einen wichtigen Impuls gab Bischöfin Dr. Beate Hofmann. Im Gespräch ging es um Transformationsprozesse in den Kirchen und die Frage, wie sich kirchliche Arbeit verändert, wenn Einsparungen in Größenordnungen von 30, 50 oder sogar 70 Prozent notwendig werden. Das drastischste Szenario machte deutlich: Bei Einsparungen von 70 Prozent reicht es nicht, innerhalb bestehender Strukturen einfach weniger zu tun. Es braucht einen grundlegenden Strukturwechsel und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wie Kooperationen dabei entstehen können, zeigte sich u.a. in der Zusammenarbeit von evangelischer und katholischer Kirche bei gemeinsamen Veranstaltungen. Das Beispiel verdeutlichte, dass Kooperation nicht immer aus einem fertigen Konzept entsteht, sondern aus der Bereitschaft, gemeinsam neue Wege zu gehen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Demokratiebildung. Gerade im ländlichen Raum stellt sich angesichts struktureller Veränderungen und gesellschaftlicher Polarisierung die Frage, wie kirchliche Bildungsangebote für Menschen erreichbar bleiben. Dabei geht es auch darum, kirchliche Räume neu zu denken: Wie können Kirchengebäude Orte gesellschaftlicher Begegnung und demokratischer Bildung bleiben? Projekte wie „Dorfkirche mon amour“ zeigen, welche Möglichkeiten jenseits klassischer Gemeindeangebote entstehen können. Auch ein Code of Conduct für den Umgang mit Rechtspopulismus kann Orientierung bieten und kirchliche Bildungseinrichtungen darin unterstützen, ihre Verantwortung für eine demokratische Kultur wahrzunehmen.

Dezentral gemeinsam: Ein anderer Weg der Kooperation

An diese Erfahrungen knüpfte der Impuls von Jens Dechow (Direktor des Comenius-Institutes), an. Im Mittelpunkt stand die Idee eines dezentralen Datenraums und eine andere Logik des Zusammenarbeitens.

Der Vorschlag lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Das, was nicht notwendigerweise getrennt gestaltet werden muss, wird gemeinsam entwickelt und verantwortet.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, alle Strukturen zu vereinheitlichen oder Aufgaben zentral zu organisieren. Vielmehr sollen die Stärken und Besonderheiten der einzelnen Institute erhalten bleiben – und gleichzeitig dort Kooperation entstehen, wo sie einen Mehrwert bietet.

Gemeinsam Materialien entwickeln

Ein mögliches Feld ist die gemeinsame Materialentwicklung. Denkbar sind beispielsweise Open-Access-Zeitschriften oder gemeinsam entwickelte Open Educational Resources (OER), die innerhalb der ALPIKA-Arbeitsgruppen entstehen. Daneben könnten dezentral verschränkte Materialpools aufgebaut werden. Voraussetzung dafür wäre eine offene und interoperable Dateninfrastruktur mit gemeinsam entwickelten Metadaten und Vokabularen.

Das Ziel: Materialien müssen nicht an einem einzigen zentralen Ort liegen, um gemeinsam auffindbar und nutzbar zu sein.

Digitale Fortbildungen gemeinsam denken

Auch bei digitalen Fortbildungen, sofern sie nicht eingeschränkt auf einen spezifisch regionalen Bildungskontext zugeschnitten sind, bietet sich eine komplementäre Kooperation an. Eine mögliche Struktur könnte so aussehen:

Eine Veranstaltung wird dezentral gemeinsam ausgeschrieben. Die Anmeldung bleibt mit den jeweiligen landeskirchlichen Anforderungen kompatibel. Die digitale Veranstaltung findet zentral statt. Der Teilnahmenachweis funktioniert bundeslandkompatibel. Die regionale Teilnahmebescheinigung wird weiterhin durch die jeweils zuständige Einrichtung ausgestellt.

So könnten gemeinsame digitale Angebote entstehen, ohne die regionalen Zuständigkeiten und Anforderungen aufzugeben. Auch hier ist ein passender digitaler Workflow zu entwickeln, der dezentral gemeinsam nutzbar ist.

Themen gemeinsam bearbeiten

Auch bei Themen kann Kooperation neu gedacht werden. Themen, die überregional von Interesse sind, sollten nach Möglichkeit institutsübergreifend bearbeitet werden. Eine zukünftige digitale Infrastruktur könnte dazu passende News, Materialien, Veranstaltungen, Ressourcen und Personen mit Fachexpertise sichtbar machen – jeweils mit Verweisen auf die entsprechenden Webseiten und Angebote der beteiligten Einrichtungen.

Damit würde Vernetzung nicht bedeuten, dass alle dasselbe machen. Im Gegenteil: Gerade die unterschiedlichen Perspektiven und Expertisen werden zur Grundlage der Zusammenarbeit.

Kleingruppen: Wo liegen die Chancen und wo die Herausforderungen?

In Kleingruppen wurde anschließend konkreter diskutiert: Wie könnte eine solche Kooperation bei Materialien, Veranstaltungen und Themen aussehen?

Materialien: Kooperation statt Dienstleistung

Bei Materialien wurde schnell deutlich, dass die Frage nach Kooperation auch eine Frage nach Rollen ist. Geht es um eine Dienstleistung, bei der ein Institut etwas für andere bereitstellt? Oder um eine komplementäre Kooperation, bei der mehrere Einrichtungen gemeinsam Verantwortung übernehmen? Eine besondere Herausforderung bleibt dabei die Redaktion und Qualitätssicherung. Wenn Materialien dezentral entstehen und veröffentlicht werden, braucht es transparente Verfahren, damit Qualität sichtbar und nachvollziehbar bleibt.

Kleingruppenergebnisse-Material-Veranstaltungen

Veranstaltungen: Gemeinsam sichtbar werden

Für Veranstaltungen bestand der Wunsch nach einem gemeinsamen Kalender, der die Angebote der verschiedenen Institute sichtbarer macht. Im Idealfall könnten Veranstaltungen direkt in bestehende Kalendersysteme der Nutzer:innen - beispielsweise Outlook - integriert werden. Gleichzeitig zeigen sich hier die Grenzen einer rein zentralen Lösung: Was öffentlich zugänglich sein kann, ist nicht automatisch regional gleich geregelt. Insbesondere bei Zertifikaten und Teilnahmebescheinigungen müssen regionale Anforderungen berücksichtigt werden. Auch Datenschutzfragen spielen eine wichtige Rolle. Deshalb gilt auch hier: Die gemeinsame Infrastruktur darf nicht zu einem zusätzlichen Service werden. Sie sollte möglichst an bestehende Systeme anknüpfen und diese miteinander verbinden.

Themen: Eine „Spontan-ALPIKA-Arbeitsgruppe“

Besonders viel Potenzial wurde in einer thematisch vertiefenden und flexiblen Zusammenarbeit gesehen. Für konkrete Fragestellungen könnten sich zeitlich begrenzte Arbeitsgruppen aus drei oder vier Instituten zusammenfinden – je nachdem, wo Interesse und Expertise vorhanden sind. Bei Bedarf könnten auch Gäste aus der weiteren evangelischen Bildungslandschaft einbezogen werden. So entsteht Zusammenarbeit dort, wo sie gerade gebraucht wird, ohne dauerhaft neue Strukturen zu schaffen. Dabei soll auch die Perspektive kleinerer Institute mit ihren spezifischen Prägungen und Erfahrungen Raum finden. Offen bleibt, wie mit Themen umgegangen wird, für die sich zunächst keine Gruppe findet. Ebenso stellt sich die Frage nach einer geeigneten dezentralen technischen Infrastruktur. Ein nächster möglicher Schritt wäre daher ein Austausch der IT-Verantwortlichen der verschiedenen Institute. Qualitätssicherung und Datensicherheit müssen dabei von Anfang an mitgedacht werden.

Kleingruppenergebnisse-Themen

Strategische Entwicklung: Vernetztes Arbeiten als gemeinsamer Weg

Im abschließenden Plenum wurden die Ideen noch einmal strategisch zusammengeführt. Im Mittelpunkt stand das Konzept der komplementären Kooperation: Nicht alles muss gemeinsam gemacht werden. Aber das, was gemeinsam besser oder überhaupt erst möglich wird, sollte auch gemeinsam angegangen werden. Dazu braucht es eine klare Arbeitsstruktur. Der Geschäftsführende Ausschuss könnte dabei eine koordinierende Funktion übernehmen - insbesondere bei Themen, die kurzfristig gemeinsam bearbeitet werden müssen. Gleichzeitig soll Kooperation nicht ausschließlich „von oben“ organisiert werden. Das langfristige Ziel ist ein System, in dem Bottom-up-Arbeit möglich wird: Institute sollen selbstständig Kooperationen initiieren, Themen aufgreifen und passende Partner finden können. Auch die Idee einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur folgt dieser Logik. Eine vernetzte Darstellung von Themen, Veranstaltungen, Materialien und Expertise könnte sichtbar machen, wer was macht und wo Zusammenarbeit sinnvoll sein könnte.

Vom Methodenbuch bis zur Zeitschrift

Dass Kooperation nicht immer ein Großprojekt sein muss, wurde auch am Beispiel gemeinsamer Materialien deutlich. Bei größeren Vorhaben – etwa einem Methodenbuch zum dialogischen Lernen, an dem Wuppertal und Marburg beteiligt sind – liegt eine gemeinsame Entwicklung nahe. Aber auch bei einzelnen Materialien kann kooperativ weitergedacht werden. Dasselbe gilt für die Entwicklung gemeinsamer Zeitschriftenformate und Open-Access-Angebote. Die Frage lautet also nicht nur: Was können wir gemeinsam neu entwickeln? Sondern auch: Wo können wir bestehende Arbeit so miteinander verschränken, dass daraus mehr entsteht, ohne zusätzliche Strukturen aufzubauen?

Warum nicht zusammen?

Die ALPIKA-Leitendentagung hat deutlich gemacht: Kooperation beginnt nicht mit einer fertigen technischen Lösung. Sie beginnt mit einer Haltung. Mit der Bereitschaft, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, Expertise zu teilen und danach zu fragen, wo Zusammenarbeit sinnvoll ist. Gleichzeitig bleibt die Vielfalt der Institute eine Stärke: Regionale Perspektiven, unterschiedliche Erfahrungen und institutionelle Prägungen sollen erhalten bleiben. Der dezentrale Weg bedeutet deshalb nicht weniger Zusammenarbeit, sondern eine andere Form von Zusammenarbeit. Eine Zusammenarbeit, die vernetzt statt zentralisiert, die Unterschiede als Ressource versteht und die dort gemeinsam arbeitet, wo es sinnvoll ist.

Diesen dezentralen Weg wollen wir gemeinsam weitergehen.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden für die Offenheit, die vielen Ideen und das Vertrauen 🤝