Es ist kurz vor Weihnachten, als ein Verlag ein Buch entdeckt, dass eine vielversprechende Idee bietet und auf ein profitables Unterfangen hoffen lässt. Es handelt sich um eine Kinderbibel, die im Stil von Disneyfilmen illustriert ist. Tiere nehmen darin die Rollen von biblischen Personen ein. Der Verlag entscheidet sich dazu, das innovative Projekt auch in Deutschland auf den Markt zu bringen. Die Promotion auf verschiedenen Websites, Social Media sowie auf Messen ist in vollem Gange, doch von verschiedenen Seiten kommen kritische Stimmen auf. Die Folge: Der Verlag sieht sich gezwungen, das Werk zu depublizieren.

Der beschriebene Fall betrifft das Buch „Der Löwe von Juda“, das im Dezember 2025 von der Deutschen Bibelgesellschaft wieder vom Markt genommen wurde. In ihrer Mitteilung zur Depublikation steht:

»Bestimmte Passagen zeigten sich als problematisch im Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog. Dazu kam Kritik an der stereotypen Darstellung von Geschlechterrollen und der Visualisierung von Gewalt.«

Dieser Blogartikel widmet sich exemplarisch den hier genannten problematischen Passagen und zieht im Anschluss ein Resümee. Die Ausführungen werden zudem in den Kontext von Chancen in Hinblick auf OER gestellt. Grundsätzlich zeigt dieses Beispiel, dass die Kritik von Einzelnen sowie der Wissenschaft und aus den Communities, produktiv angenommen werden kann. Denn durch Kommentare, Anregungen und Widerspruch ist man überhaupt zu diesem Schritt gekommen. Diesen möchte ich auch nicht als ein Einknicken aufgrund von Kritik interpretieren, sondern als das Ernstnehmen von berechtigter Kritik sowie die Bereitschaft aus Fehlern zu lernen.

Die folgende, in den theologischen Diskurs gestellte Erörterung bezieht sich im Wesentlichen auf diese Kernkritikpunkte:

  • Im Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog ist vor allem die Bewertung des Gesetzes sowie die christozentrische Deutung der Hebräischen Bibel problematisch. Das Gesetz wird an einer markanten, unten genauer thematisierten, Stelle als eine Last und nicht als eine Gnade dargestellt. Zudem wird die Hebräische Bibel konsequent von Jesus Christus her gedeutet. Dies führt zu einer falschen Gegenüberstellung von Hebräischer Bibel und dem christlichen Neuen Testament.

  • Die stereotype Darstellung der Geschlechter zeigt sich darin, dass Frauen, bzw. weiblich zu lesende Tiere, entweder als Verführerinnen oder als sorgende Mütter abgebildet werden, während die Männer meist muskulös, groß und kämpferisch illustriert sind. Wichtige weibliche Figuren der Hebräischen Bibel (z. B. Mirjam) werden gar nicht erwähnt.

  • Gewalt wird in „der Löwe von Juda” durchgehend in einen heroischen Kontext gestellt. Die ‚guten‘ Männer Gottes kämpfen kriegerisch gegen die Feinde der Hebräer bzw. Gottes. Dabei wird die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt innerhalb der hebräischen Bibel nicht erwähnt.

Bei der Veröffentlichung

»Mit der Löwe von Juda schaffen wir einen neuen Zugang: liebevoll illustriert, verständlich erzählt, einzigartig gestaltet und zugleich bibeltheologisch verantwortet. Die Tierfiguren sind dabei mehr als ein gestalterisches Mittel: Sie sind Brücken zwischen der Welt der Kinder und der Welt der Bibel. Diese Darstellungen sind nicht willkürlich, sondern symbolisch aufgeladen und medienpädagogisch fundiert. Sie ermöglichen Kindern, sich mit den Figuren zu identifizieren, ohne durch kulturelle und soziale Merkmale ausgeschlossen zu werden.« Screenshot von Instagram

Zum Instagram-Beitrag der Deutschen Bibelgesellschaft

Dies wurde bei der Veröffentlichung, am 20.10.2025, von „der Löwe von Juda” auf der Instagramseite der Deutschen Bibelgesellschaft gepostet Statement. Besonders wichtig für die Auseinandersetzung mit dem Werk sind vor allem folgende Sätze aus dem Post:

»Diese Darstellungen sind nicht willkürlich, sondern symbolisch aufgeladen und medienpädagogisch fundiert. Sie ermöglichen Kindern, sich mit den Figuren zu identifizieren, ohne durch kulturelle und soziale Merkmale ausgeschlossen zu werden.«

Dieses Zitat ist deshalb von besonderer Bedeutung, da in ihm erwähnt wird, dass die Illustrationen sowie die Texte aus einem bewussten Deliberationsprozess entstanden sind. Entscheidungen wurden darüber getroffen, welche Texte die Kinderbibel behandelt und welche nicht. Ebenso wurden Darstellungen des Aussehens der Tiere, deren Sprache sowie der Art der Illustration der Geschichten bewusst gewählt. An diesem Maßstab orientiert sich darum auch die folgende inhaltliche Auseinandersetzung.

Kritikpunkt 1: Der Umgang mit den Geschichten der Hebräischen Bibel

Das ‘schwere’ Gesetz

Die erste Problematik im Blick auf den jüdisch-christlichen Dialog zeigt sich exemplarisch an den Zehn Geboten. Zu sehen ist ein Bild eines Klippdachses Namens Schafan, der durch die Kinderbibel führt. Schafan versucht zwei große steinerne Tafeln, auf denen die Zehn Gebote geschrieben stehen, zu bewegen. Dabei sagt er: »Puh, das Gesetz ist furchtbar schwer!«. Dies alleine, könnte zu der Interpretation führen, dass mit dem ‚schwer‘ die steinernen Tafeln gemeint sind. Wenngleich die Illustration die Tafeln im Vergleich zu Schafan sehr groß darstellen, wird in der Sprechblase das Wort Gesetz und nicht Tafeln verwendet. In der biblischen Erzählung von dem Goldenen Kalb hielt Mose die zwei steinernen Tafeln in einer Hand, als er zum Volk kam (Exodus 32). Die Bildsprache sowie die Sprechblase liefern somit eine Interpretation, welche über die Schwere der Tafeln hinaus geht. Zudem lassen sich innerhalb der gesamten Kinderbibel Hinweise auf Christus (siehe den zweiten Teil dieses Kritikpunkts) in Schrift und Bild finden. Durch verschiedene Bilder, die das Kreuz beinhalten (z. B. das erste Pessach, Issaks schatten s. u.), sowie die Aussage, das Gesetz sei schwer, wird eine Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium, welche Luther stark machte, unreflektiert verkürzend übernommen. Eine solch Unterscheidung stellt die Hebräische Bibel und das Neue Testament dualistisch gegenüber; zudem wird das Gesetz als etwas Erdrückendes und nicht als etwas Wegweisendes dargestellt (Boschki und Schlag 2016). Das Aufzeigen von der Schwere des Gesetzes impliziert »falsche gnadentheologische Oppositionsfiguren« von Evangelium und Gesetz (Hailer 2025). Es wird bei ihrer Einführung impliziert, dass Menschen sich nicht daranhalten könnten, da es so schwer sei. Demgegenüber gilt:

»Das Gesetz Gottes halten zu dürfen, das ist die Gnade der Erwählung, die das Judentum in seinen Festen feiert und die in das Leben der jüdischen Gemeinde ausstrahlt.« (Evangelische Kirche in Deutschland 2015, 63).

Durch die in der Kinderbibel vorgenommene Akzentuierung der Zehn Gebote wird die Bedeutung der Tora stark verkürzt und der jüdische Glauben als eine Gesetzesreligion bzw. als eine Religion der Werkgerechtigkeit reduziert (Boschki & Schlag 2016).

Die Christianisierung der hebräischen Texte

Die zweite Problematik liegt in der Christianisierung der hebräischen Texte. Theologische Grundlagenwerke wie beispielsweise Härles Dogmatik, Leonhardts Grundinformationen Dogmatik sowie Joest und von Lüpkes Dogmatik I weisen alle auf einen wichtigen Aspekt hin: Die hebräische Bibel, das Alte Testament, hat ihre Autorität in sich.. Jede Form der Gegenüberstellung der beiden biblischen Bücher oder auch christologische Deutungen der hebräischen Bibel sind konstruiert (Härle 2012, 124-127; Leonhardt 2009, 192; Joest und von Lüpke 2010, 71). Die Autoren des Neuen Testaments bauen zwar auf der hebräischen Bibel auf und deuten dies zum Teil auf Christus hin (Joest und von Lüpke 2010, 67). In „Der Löwe von Juda” sieht man jedoch beim ersten Pessach ein Kreuz auf einer Tür gemalt. Auch in der Geschichte, in der Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, wird Isaaks Schatten am Boden als Kreuz gezeichnet. Innerhalb der Hebräischen Bibel hat dieses Kreuz noch keine Bedeutung, außer es wird implizit mitgelesen. Somit werden die Geschichten jenseits ihres ursprünglichen Kontextes auf Christus hin gedeutet. Dabei wird die jüdische Tradition in ihrer Einzigartigkeit weder gesehen noch gewürdigt, sondern immer in einem bestimmten Heilsgeschehen als eine Vorstufe zum Christentum dargestellt. Im Neuen Testament selbst findet sich bereits die Spannung, dass die Texte der Hebräischen Bibel unterschiedlich von den christlichen und jüdischen Gemeinden gedeutet wurden (Evangelische Kirche in Deutschland 2015, 68). In der Religionsgeschichte führte dieser Gedanke zur Substitutionsthese, die besagt, dass der Bund Gottes mit Israels aufgehoben wurde und die Kirche den Platz des jüdischen Volkes eingenommen habe. Diese theologische These ist eine zentrale Ursache für die christliche Judenfeindschaft durch die Jahrhunderte hindurch gewesen, die zu Pogromen geführt un den Boden für die Shoa bereitet hat. Sie wird nach dem 2. Weltkrieg un der kritischen Aufarbeitung im christlich-jüdischen Dialog dezidiert abgelehnt(Evangelische Kirche in Deutschland 2002, 67f.) und stattdessen wird die bleibende Erwählung Israels, wie Paulus sie in Römer 9-11 dargestellt hat betont: Das Herabwürdigen der Gesetze als „schwer" und das gemalte Kreuz beim ersten Pessach – als implizite Vorbereitung auf einen Erlöser, der in Jesus Christus erscheinen wird (in „der Löwe von Juda”) – ist eine falsche Gegenüberstellung, welche aus einer antijüdischen Auslegungstradition stammt (Evangelische Kirche in Deutschland 2002, 70ff.).

Kritikpunkt 2: Die weiblichen Frauen und die männlichen Männer

Neben der Problematik des Bezugs von jüdischer Tradition und christlicher Interpretation ist die Darstellung von stereotypen Geschlechterrollen vor allem in den Hauptcharakteren zu sehen. Diese repräsentieren ein Idealbild. Im Kontext von Repräsentation stellt sich dabei die Frage, „wer spricht wie, wo und wann für wen?“ (Winkler 2025). Zunächst ist festzuhalten, dass innerhalb dieser Kinderbibel vier weibliche biblische Figuren bildlich dargestellt werden: Eva, Sara, Potifars Frau und die Tochter des Pharaos. Zwar nehmen Männer in den biblischen Texten insgesamt eine zentrale Rolle ein, dennoch ist von Bedeutung, wie weibliche biblische Figuren dargestellt werden oder an welchen Stellen sie fehlen. Auffällig ist insbesondere das Fehlen der Figuren Lea und Mirjam. Die Existenz von Lea, der ersten Frau Jakobs, wird damit angedeutet, dass Jakob Rahel nur durch eine List später heiraten konnte. Somit wird der tiefere Begründungszusammenhang, warum Jakob seinen Sohn Josef mehr liebte als seine anderen Kinder, ausgeblendet (Lux 2013). Auch Mirjam, die Schwester von Mose, deren Lobgesang für die Exodusgeschichte von Bedeutung ist, kommt nicht vor. Die dargestellten Frauen sind in zwei Stereotype abgebildet: Mutter oder Verführerin.

Abrahams Frau Sara sowie die Tochter des Pharaos, die Mose aus dem Korb rettet, werden als fürsorgliche, mütterliche Figuren dargestellt. Demgegenüber erscheint die Frau des Potifar in einer lasziven Körperhaltung und wird mit den Worten „Komm her zu mir, Josef“ wiedergegeben. Diese Gegenüberstellung verstärkt eine dichotome Darstellung weiblicher Figuren.

Auf einer Seite der Kinderbibel, die die Folgen der Sünde thematisiert und dabei offenbar die Erbsündenlehre voraussetzt, werden verschiedene Tiere gezeigt, die sündiges Verhalten verkörpern. Auffällig ist, dass lediglich ein weiblich konnotiertes Tier dargestellt ist, das in einer lasziven Pose erscheint. Diese Darstellung ruft kulturell geprägte Assoziationen hervor, in denen Sexualität mit Sünde gleichgesetzt wird. Auf diese Weise vermittelt die Kinderbibel eine sexualmoralische Vorstellung, in der Sexualität überwiegend negativ und in dieser Negativität ausgehend von Frauen konnotiert ist (Schreiber 2025). Es gibt anscheinend in der Welt von „Der Löwe von Juda” nur zwei Arten von Weiblichkeit. Diese verkürzte Sicht von Frauen reproduziert patriarchale Strukturen, welche unterdrücken, und nimmt wichtige Impulse aus der feministischen Theologie nicht wahr (Jäger 2025). Zugleich widerspricht diese verkürzte Darstellung einigen Geschichten von Frauen aus den ersten Büchern der Hebräischen Bibel, dem Pentateuch, vehement.

Männer wiederrum werden groß, muskulös und körperlich stark dargestellt. Hierbei bildet der junge Josef eine Ausnahme, der jedoch im Laufe der Geschichte an Kraft zunimmt. Noah, der als Biber dargestellt wird, erscheint derart muskulös, dass er gegen Schauspieler Jason Momoa beim Armdrücken bestehen könnte. Mose, als Nilpferd visualisiert, tritt dem Pharao aggressiv entgegen und fordert lautstark die Freilassung seines Volkes, wodurch das biblische Motiv der „schweren Zunge“ (Exodus 4, 10) weitgehend entfällt. Josua, als bunter Wolf, und der kanaanäische Hund Kaleb kämpfen sich wie die Marvel-Avengers durch Horden von Feinden und Monstern, die für sie keinerlei ernsthafte Bedrohung darstellen. Die männlichen Charaktere erinnern stärker an Superhelden als an die Urväter in der Bibel. Diese Superheldenlogik führt zum dritten kritischen Punkt: die unkritische Darstellung von Gewalt.

Kritikpunkt 3: Gewalt

Männliche Charaktere Screenshot von Instagram

Zum Instagram-Beitrag der Deutschen Bibelgesellschaft

Gewalt ist ein ambivalentes menschliches Verhalten. Jeder Mensch steht in der Gefahr Gewalt auszuüben und ihr ausgeliefert zu sein (Bezold 2021). Die Hebräische Bibel enthält viele Geschichten, in denen Gewalt vorkommt; dabei wäre es jedoch falsch, daraus abzuleiten, dass jegliche Form von Gewalt gutgeheißen wird. Beispielsweise der Brudermord von Kain an Abel zeigt auf, welche zerstörerische Kraft in menschlicher Gewalt liegt (Bezold 2021). Diese zu Beginn des Pentateuchs so wichtige Geschichte ist eine, die in „Der Löwe von Juda” nicht vorkommt. Stattdessen werden jedwede Darstellungen von Gewalt in einen heroischen Kontext gesetzt, indem das Böse nur mit Gewalt zerstört werden kann.

Die Darstellung von Josua und Kaleb und die Landeinnahme sprechen eine problematische Bildsprache: Meist werden der bunte Wolf Josua und der kanaanäische Hund Kaleb im Kampf recht groß und heldenhaft gezeigt, in Posen, die Stärke und Souveränität vermitteln. Zudem scheinen sie nie die Fassung zu verlieren und können jede Anzahl an Gegner selbstständig besiegen. Somit wird in „Der Löwe von Juda” die Spannung von Gewalt und ihre Ambiguität, welche beispielsweise im Gesetzesbuch Deuteronomium ausgehandelt wird (Bezold 2021), nicht reflektiert. Es muss dabei erwähnt werden, dass die Landeinnahme-Geschichte in der Hebräischen Bibel sich von Gewaltgeschichten der altorientalischen Umwelt kaum unterscheiden (Bezold 2021). Es werden jedoch die illegitimen Formen von Gewalt sowie ihre Auswirkungen für die Gemeinschaft in der Kinderbibel nicht thematisiert. Dass Gewalt Opfer hervorbringt (Gronover 2024), wird vor allem in der Darstellung der Josua Erzählung nicht deutlich, denn die Feinde werden unter anderem als Monster oder Dinosaurier und damit als eine Inkarnation des Bösen abgebildet. Die Feinde werden enttierlicht. Der Gewaltverzicht Gottes in der Urgeschichte (Theuer 2024) kommt in der Geschichte der Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten zwar vor, jedoch wird dies eher beiläufig erwähnt. In „Der Löwe von Juda” findet keine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt statt, obwohl doch gerade der innerbiblische Konflikt religionspädagogisch dazu einlädt (Theuer 2024).

Weitere theologische Schwierigkeiten

Ein weiteres Problem, welches in der Stellungnahme zur der Depublikation des Buches von der Bibelgesellschaft nur implizit erwähnt wird, liegt darin, dass in „Der Löwe von Juda” die Theologie der Kinderbibel doch sehr einseitig ist. Beispiele dafür sollen an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden.

Dualistisches Weltbild

Der Löwe von Juda ist von einem Dualismus von Gut und Böse durchzogen. Die Schlange taucht an mehreren Stellen als die Inkarnation des Bösen auf und wird mit dem Satan gleichgesetzt. Dies ist eine genuin christliche und problematische Interpretation. Dabei wird die Schlange innerhalb der zweiten Schöpfungsgeschichte nicht als böse, sondern als listig betitelt (Genesis 3, 1). Zudem werden die moralischen Grautöne, welche in den biblischen Geschichten existieren, von einer klaren normativen Einteilung, welche textfremd ist, überstrahlt. Beispielsweise, dass Abraham vor dem Pharao verheimlicht, dass Sara seine Frau ist (Genesis 12, 10-20). Es ist selbstredend, dass es bei einer Kinderbibel zu einer didaktischen Reduktion kommen muss. Jedoch kann auch diese das einfache Gut gegen Böse Schema kindgerecht durchbrechen.

Gottesbild

Die verschiedenen Gottesbilder der Hebräischen Bibel werden aufgegeben zugunsten eines klaren Gottesbildes von einem Gott, der von Beginn an einen Plan für das gesamte Weltgeschehen hat. So heißt es in „der Löwe von Juda” nach der Vertreibung aus dem Paradies:

»Doch Gott gab seine Geschöpfe nicht auf. Er hatte sie doch selbst geschaffen! Daher wollte er sie vor Sünde und Tod retten.«

Dies ist nicht nur ein weiterer Beleg für die Christianiserung der Hebräischen Bibel, sondern auch für eine Reduktion des Gottesbildes. Dass Gott beispielsweise Reue zeigt (Genesis 6) oder Menschen mit Gott diskutieren können (Genesis 18, 16-33), wird nicht thematisiert.

Resümee und Bedeutung im Horizont von Open Educational Resources (OER)

Leider verfehlt „Der Löwe von Juda” aus den oben genannten Gründen das selbst gewählte Ziel der Deutschen Bibelgesellschaft:

»Als Deutsche Bibelgesellschaft ist es unser Ziel, Menschen eine Begegnung mit der Bibel zu ermöglichen, die theologisch verantwortet und dialogfähig ist.«

Trotz all dieser Kritikpunkte am Werk ist es der Deutschen Bibelgesellschaft hoch anzurechnen, dass kurz vor Weihnachten der Vertrieb dieser Kinderbibel eingestellt wurde. Am Beispiel der Veröffentlichung und Depublizierung von „Der Löwe von Juda” kann man über Umgang mit Kritik sowie über die Bewertung von Eingeständnissen reflektieren.

Haltung

Es ist nicht selbstverständlich, dass die Deutsche Bibelgesellschaft in dieser Weise mit der Kritik umgeht und an einem Prozess des Austausches mit ihren Kritiker:innen teilnimmt. Sie hätte auch einen anderen Weg einschlagen und auf den weiteren Verkauf der Kinderbibel beharren können. An der Kritik von verschiedenen Seiten zeigt sich aber, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit religiösen Texten ein komplexes Unterfangen ist.

Der Openness Gedanke

Hierfür kann eine OER-Kultur aus zwei Perspektiven unterstützend sein.

Open Educational Resources (OER) sind freie Lehr- und Lernmaterialien, die unter offenen Lizenzen veröffentlicht werden.

Erstens der Openness-Gedanke. Dieser geht grundsätzlich davon aus, dass Material und Ressourcen nicht perfekt sind und ständiger Kommentierung und Weiterverarbeitung bedürfen. Dabei schlägt sie die Hoffnung auf die „Schwarmintelligenz” in einer redaktionellen Schleife nieder. Openness ist eine Haltung (Mößle und Gregorio, 2025), welche in OER und in einer entsprechenden pädagogischen Praxis (OEP) normativ gesetzt wird (Angelina und Buchwald-Chassée, 2025).
Die Qualitätssicherung findet bei OER nicht klassisch in einer institutionalisierten Redaktion statt – welche durchaus ihre Berechtigung hat. Vielmehr wird sie durch die Einladung zur Mitarbeit sowie eine Haltung der Openness ermöglicht (Mößle 2026). Zudem gibt es noch andere Ansätze, um Qualität redaktionell zu sichern. Einen Baustein dafür können die Qualitätskriterien, welche das FOERBICO–Team erstellt hat, bilden. Die Komplexität der religiösen Bildung ist unter anderem ein Grund, warum die Qualitätskriterien recht ausführlich geworden sind und das Thema von stereotypischer Darstellung und Replizierung von Vorurteilen explizit verhandelt wird (Mößle, 2025 und Angelina et al., 2025).

Mehrwert der Community

Die zweite Perspektive bilden die Communties of Practice. Im Kontext von OER können diese Communities fest organisierte Gruppen sein, oder auch Individuen, die sich mit ihrer Fachexpertise für eine gewisse Zeit zusammen tun und einbringen. In diesem Fall kam die Kritik sowohl von interessierten Einzelnen auf Instagram (siehe die Kommentare unter dem Post), als auch von Communities of Practice sowie der Wissenschaft. Aus unserer Erfahrung im Rahmen der Zusammenarbeit mit Communities kann man resümieren, dass in diesen der Gedanke vorherrscht: Zusammen können wir es besser machen. Diese Grundhaltung fordert die Bereitschaft, Kritik nicht als etwas Zerstörerisches wahrzunehmen, sondern als Hilfestellung. Es wäre wünschenswert, dass der Aufarbeitungsprozess der Deutschen Bibelgesellschaft nicht nur intern, sondern mit Communities gemeinsam geschieht, so wie es gegenwärtig auch schon angebahnt ist. Zusätzlich wäre eine Transparenz in der Aufarbeitung spannend. Es gibt im Fall „Der Löwe von Juda” viele Aspekte, die einzelnen Personen nicht nachvollziehbar erscheinen. Diese könnten bei einer transparenten Darstellung für Menschen einsichtig werden.

Fehler als Lernmöglichkeit

Es wäre naheliegend, die Depublizierung von Der Löwe von Juda zum Anlass zu nehmen, aus einer OER-Perspektive grundsätzlich Kritik am Verlagswesen zu üben. Eine solche pauschale Haltung widerspräche jedoch dem Openness-Gedanken. Die im vorliegenden Fall problematischen Entscheidungen wurden kritisch benannt; zugleich wurde der Schritt der Deutschen Bibelgesellschaft als verantwortungsbewusstes Handeln anerkannt. Es war und ist bestimmt kein einfacher Prozess, eine solche Entscheidung zu treffen. Meines Erachtens ist eine Haltung des Hörens und das Eingestehen von Fehlern kein Zeichen von Schwäche, sondern erfordert Mut und Stärke. Zudem können wir dies auch als eine Lernmöglichkeit sehen. Fehler als eine Lernmöglichkeit zu sehen, ist ein Grundgedanke von OER und OEP.

Literatur

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Angelina, Phillip, Buchwald-Chassée, Gina, Gregorio Rodrigo, Paula, Mößle, Laura und Ullmann, Corinna. 2025. Open Educational Resources in der Religionspädagogik erstellen: Rechtliche, technische, pädagogisch-didaktische und religionspädagogische Qualitätskriterien. FOERBICO-Handreichung. https://git.rpi-virtuell.de/Comenius-Institut/FOERBICO_und_rpi-virtuell/src/branch/main/qualitaetskriterien/handreichung-qualitaetskriterien.md

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